Darum geht’s
🚫 Aufregung um Kneipen-Verbot: Viral gehende Meldungen über den Ausschluss von AfD-Wählern
🕵️♂️ Faktencheck: Zweifel am Wahrheitsgehalt und die ständige Wiederholung alter Internet-Mythen
⚖️ Hausrecht vs. Demokratie: Warum ein Wirt entscheiden darf, wen er bedient
🛑 Hinkende Vergleiche: Der unpassende Opfermythos und der Unterschied zur Judenverfolgung im Dritten Reich
🗣️ Das “Vegetarier-Phänomen”: Das starke Mitteilungsbedürfnis von AfD-Anhängern im Alltag
🧠 Wahlverhalten: Warum die Festlegung auf eine Partei Jahre im Voraus auf eine rechtsextreme Grundeinstellung schließen lässt
Links
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – Was ist geschützt?
Hausrecht in der Gastronomie: Wen darf der Wirt rausschmeißen?
Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Rechtsextremismus
Vollständiges Transkript
Eine Bar in Minden soll angeblich ein Schild vor die Tür gestellt haben, dass AfD-Wähler hier nicht erwünscht seien. Ich bin bei diesen Meldungen immer vorsichtig beziehungsweise nehme sie eigentlich gar nicht als Tatsachen an. Zumal es genau diese Meldung, glaube ich, seit zehn Jahren immer wieder gibt. Geschenkt, das ist auch ein bisschen egal. Ob das jetzt wirklich so ist oder ob es diese Bar überhaupt gibt, weiß der Geier. Das spielt auch keine Rolle.
Interessanter ist, was sich da an Diskussionen ringsherum entspinnt. Wobei, was heißt Diskussionen? Normalerweise ist es so: Irgendeine Quatschseite stellt so eine Meldung ins Netz und behauptet, ein Wirt hätte so etwas gesagt. Dann passiert einfach nur Folgendes: Ganz viele AfDler versammeln sich darunter und verleihen ihrer Empörung erst mal Ausdruck. Das verstehen sie nicht, sie rufen nach „Meinungsfreiheit“ und „Gleichbehandlung“ und sehen das als Beweis, dass die Demokratie abgeschafft sei.
Das ist natürlich alles Schwachsinn. Die Demokratie entscheidet sich nicht daran, ob sämtliche Kneipenwirte Bock auf AfD-Wähler haben. Es ist völlig legitim, wenn es welche gibt, die sagen: „Wollen wir nicht.“ Man muss dazu sagen: 99,5 von 100 Kneipen sagen das nicht. Es ist also sehr eindeutig, dass es – falls es überhaupt echte Kneipen gibt, die das machen und das nicht nur ein aufgewärmter Internet-Gag ist – nur sehr wenige sind. Aber selbst wenn es diese Kneipen gibt, sorgt das ja auch für jede Menge Gratiswerbung. Die meisten Leute sind eben keine AfD-Wähler und finden so eine Haltung eher positiv. Den meisten ist es wahrscheinlich egal, aber es wirkt zumindest nicht geschäftsschädigend. Dadurch, dass sich diese ganzen AfDler aber tierisch darüber aufregen, entfaltet man eine gewisse Werbewirkung. Wenn man die haben will und weiß, dass die eigene Zielklientel das befürwortet, kann man das schon machen.
Aber wie gesagt, es machen sehr wenige und daran wird die Demokratie nicht zugrunde gehen. “Niedlich” finde ich auch, wenn AfDler anfangen, sich mit Juden im Dritten Reich zu vergleichen. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Zum einen bedienen sie damit – vielleicht unbewusst, vielleicht aber auch durch die Blume – dieses bekanntermaßen antisemitische Narrativ, dass die Juden eigentlich selbst schuld waren. Zum anderen vergessen sie völlig, dass man sich nicht aussucht, Jude zu sein. Wir reden hier im historischen Kontext nicht von der Religion Judentum, der man folgen kann, sondern von der Rassenideologie der Nazis.
Im Dritten Reich wurden Juden verfolgt, bei denen die Abstammung das Kriterium war. Es war eine rassistische Geschichte, es ging um die Abstammung und nicht um den Glauben. Die Opfer haben sich nicht ausgesucht, Juden zu sein; viele lebten völlig säkular oder christlich. Das vergessen diese Leute immer gerne. Ob man AfDler wird, das sucht man sich hingegen aus. Das hat man irgendwann mal bewusst entschieden und dahinter steht eine gewisse Sicht auf die Welt, die man nicht sympathisch finden muss. Ich würde fast sagen, die man eigentlich nur unsympathisch finden kann, wenn man ein halbwegs intelligenter Mensch ist – außer man missbraucht diese Bewegung für die eigene Karriere.
Wie dem auch sei: Die Entscheidung trifft man absichtlich selbst. Man identifiziert sich als AfDler oder eben nicht. Das ist die erste Entscheidung. Die zweite Entscheidung ist, dass man sich dann auch als solcher outet. Das muss man nämlich nicht. Aber AfDler scheinen da so einen Reflex zu haben: Sie müssen das die ganze Zeit jedem aufs Brot schmieren, obwohl keiner danach fragt und es jedem egal wäre. Wenn sie sich einfach wie ein ganz normaler Typ nett verhalten würden, würde es niemanden interessieren, was sie wählen. Interessant ist, dass AfD-Wähler das so nicht hinbekommen. Sie können nicht stillhalten, sie müssen sich bei jeder Gelegenheit sofort outen.
Das beobachtet man im echten Leben ständig. Wenn man in der Innenstadt an einem Infostand einer anderen Partei steht, wird man erleben, dass jeder AfD-Wähler, der vorbeikommt, es einem einfach sagt. Obwohl auf deinem Schirm steht, dass dich das sicherlich nicht interessiert und das nicht der Grund ist, warum du da stehst. Aber sie tun es. Sie können nicht anders, als es einem aufs Brot zu schmieren.
So ähnlich ist es mit diesem Schild auch. Wenn ich jetzt eine Kneipe hätte und mir so ein Schild vor die Tür stellen würde, würde ich erleben, dass Leute allen Ernstes reinkommen, ein Bier bestellen, es austrinken und mir dann erzählen, dass sie AfD wählen, weil sie witzig sein wollen. Für mich wäre das eigentlich egal, denn dann haben sie sich bis dahin ja immerhin zurückgehalten.
Aber das ist eben der Punkt, der auch immer wieder unter diesen Meldungen auftaucht: Die Frage, wie erkennt man den AfD-Wähler? Das ist ganz einfach: Sie sagen es dir. Das ist wie mit Vegetariern (im Klischee), die sagen es dir auch. Man kann es von außen normalerweise nicht sehen, aber es ist das Erste, was sie dir erzählen: „Ich wähle AfD, alles scheiße, Ausländer raus.“ Daran erkennt man sie. Auch dafür sind sie komplett selbst verantwortlich.
Der nächste spannende Aspekt ist, dass die Eigenschaft “AfD-Wähler” eigentlich auf die Zukunft verweist. Ich glaube nicht, dass ein Wirt, der so ein Schild aufstellt, etwas dagegen hätte, wenn jemand die Partei mal gewählt hat, das aber nie wieder tun möchte. Er meint Leute, die gedenken, das zu tun. Und jetzt überlegen wir mal: Jemand, der Jahre vor der nächsten Wahl weiß, dass er AfD wählen wird – da kann man ein paar Gründe ausschließen.
Er tut es offensichtlich nicht wegen des konkreten Wahlprogramms, denn das liegt erst in Jahren vor. Er tut es auch nicht aufgrund des Personals, weil noch nicht klar ist, wer der nächste Spitzenkandidat wird. Wenn weder Inhalte noch Personal der Grund sind, dann muss es eine Grundeinstellung sein. Und welche Grundeinstellung steckt wohl dahinter, wenn man vorher weiß, dass alle anderen schlechter sind und man diese Partei wählen will? Eine rechtsextreme Grundeinstellung.
Das heißt, was in Wirklichkeit auf diesem Schild steht – sofern es das gibt –, ist, dass dieser Wirt keine Menschen mit rechtsextremer Grundeinstellung haben möchte. Wenn er das im Wahlkampf hinstellt, könnte man das anders sehen, aber in diesem Fall kann man das vereinfacht so sagen. Und ich weiß nicht genau, was man dagegen haben kann. Als Nicht-AfDler kann man da gar nichts gegen haben. Nicht-AfDler äußern sich da auch nicht empört. Das sind immer nur AfDler, die sich darüber aufregen und sich damit witzigerweise auch selber verraten. Denn wenn sie einfach die Klappe halten würden, würden sie da auch ein Bier bekommen.






