Ach, wie herrlich muss es sein, in der wunderbaren Welt der AfD-Timeline zu leben. Dort fällt der Zweite Weltkrieg wie ein lästiger Regenschauer vom Himmel – keiner hat ihn bestellt, niemand hat „Hier!“ gerufen, und plötzlich stehen da diese unhöflichen Alliierten vor der Tür und machen die schöne Reichs-Party kaputt.
Zum 8. Mai haben die blauen Strategen nun ihre ganz eigene Geschichtsstunde via Social Media gebucht. Befreiung? Aber nicht doch! Das war eine reine Unverschämtheit der Weltgeschichte! Während der Rest des Kontinents erleichtert aufatmet, dass das mörderischste Regime der Menschheit endlich in den Orkus der Geschichte gespült wurde, sitzen die Herrschaften Abgeordneten an ihren Tastaturen und weinen bittere Tränen. Nicht etwa um die Millionen Ermordeten in den KZs – Gott bewahre, das wäre ja „Schuldkult“ – sondern um die arme Logistik der Rheinwiesenlager.
Es ist schon eine beachtliche intellektuelle Akrobatik: Man ignoriert standhaft, dass man erst den Kontinent in Schutt und Asche legt, um sich dann darüber zu beschweren, dass die Befreier nicht direkt das Fünf-Sterne-Catering für die kapitulierende Wehrmacht dabeihatten.
Besonders charmant: Die Ablehnung der „Re-Education“. Man möchte also eigentlich lieber nicht demokratisiert worden sein? Man findet die Entnazifizierung ein bisschen... zu viel des Guten? Das ist kein „Mut zur Wahrheit“, das ist die unverblümte Sehnsucht nach der Zeit, als man noch ohne diese lästigen Menschenrechte auskam. Wer den 8. Mai nicht feiern kann, weil er um das „Tausendjährige Reich“ trauert, der zeigt nicht Kante gegen den Zeitgeist – der zeigt schlicht, wo sein politisches Herz wirklich schlägt: Ganz weit rechts, im Dunkeln, wo die Geschichte stehengeblieben ist. Prost Mahlzeit!
Darum geht’s
🗓️ 8. Mai als Gedenktag – Die Bedeutung des “Tages der Befreiung” und die historische Einordnung der Kapitulation 1945.
🚩 AfD-Narrative – Kritik an der konzertierten Aktion rechtsextremer Politiker, die den Befreiungscharakter des Tages leugnen.
🗣️ Relativierung von Kriegsfolgen – Die Instrumentalisierung von Themen wie Kriegsgefangenschaft und den “Rheinwiesenlagern”.
📉 Logistik des Mangels – Warum die Versorgungslage nach dem Krieg katastrophal war und warum dies kein gezielter Plan der Alliierten war.
🧠 Kampfbegriff “Schuldkult” – Die Ablehnung der Erinnerungskultur (z.B. Stolpersteine) durch das rechtsextreme Spektrum.
⚖️ Täter vs. Opfer – Das Verschweigen der deutschen Kriegsschuld und der beispiellosen Verbrechen im Schatten des Holocausts.
🗳️ Demokratiefeindlichkeit – Die offene Ablehnung von Entnazifizierung und Demokratisierung (”Re-Education”) in aktuellen AfD-Statements.
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Vollständiges Transkript
Das kann man sich wirklich nicht ausdenken: Heute ist der 8. Mai, der Jahrestag der Befreiung Deutschlands. Jedenfalls ist das ein feststehender Begriff, der, so glaube ich, sogar ursprünglich aus der DDR kommt. Man muss ihn nicht zwingend “Tag der Befreiung” nennen, aber wie bereits ein Bundespräsident vor sehr langer Zeit feststellte, war es faktisch ein Tag der Befreiung.
Die AfD jedoch nutzt diesen Tag über die Accounts zahlreicher Politiker und Abgeordneter als Anlass, um ihren Unmut laut zu machen. Ihr Narrativ: Das sei gar keine Befreiung gewesen, sondern geprägt von Vergewaltigungen und dem Sterben in Kriegsgefangenschaft. Natürlich geschehen solche Dinge, wenn Kriege enden; sie sind am Tag der Kapitulation nicht für alle Beteiligten sofort vorbei. Es ist legitim zu sagen, dass damals nicht alles nach heutigen optimalen Maßstäben verlief. Dass die AfD jedoch exklusiv darauf abhebt, ist bezeichnend, da sie gleichzeitig völlig verschweigt, warum dieser Krieg überhaupt stattgefunden hat.
Dieser Krieg geschah, weil Deutschland ihn maßgeblich wollte – beziehungsweise eine bestimmte Partei ihn wollte. Es ist eben jene Partei, zu der man der AfD eine gewisse Nähe nachsagt und von der sie sich normalerweise mühsam zu distanzieren versucht. Doch am heutigen Tag tut sie das Gegenteil: Sie geriert sich so, als sei der Krieg vom Himmel gefallen und als gäbe es keine deutsche Schuld. Kein einziges Wort verliert sie über die Verbrechen der damaligen Reichsregierung, die mit diesem Tag beendet wurden. Genau deshalb ist es ein Tag der Befreiung für die Mehrheit der Menschen in Europa.
Keine Befreiung war es für die Täter oder für Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Ein interessantes rechtsextremes Narrativ, das hier immer wieder aufgekocht wird, sind die sogenannten Rheinwiesenlager. Dort gab es unter den Kriegsgefangenen viele Tote. Interessanterweise thematisiert die rechtsextreme Bubble nie die hohe Zahl der Toten in russischer Gefangenschaft; es sind immer nur die Westalliierten, die als Problem dargestellt werden.
Man muss sich die Lage vor Augen führen: Millionen von Kriegsgefangenen mussten in einem zerstörten Land mit kaputter Logistik versorgt werden. Die Versorgungslage für die Zivilbevölkerung war ohnehin katastrophal. Gleichzeitig wurden die Konzentrationslager befreit. In manchen Arbeitslagern starben nach der Befreiung sogar mehr Menschen als zuvor, weil sie schlicht zu schwach waren und es keine Lebensmittel gab. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man eine Versorgungslage aufgrund der Umstände nicht bewältigen kann oder ob man das Sterben bewusst plant. Die Rechtsextremen unterstellen Letzteres, während ihnen das Schicksal der KZ-Insassen völlig egal ist.
Was sie eigentlich bekämpfen, ist der sogenannte “Schuldkult” – ein rechtsextremer Kampfbegriff für das Gedenken an die NS-Verbrechen. Sie verurteilen Stolpersteine und jede Form der Erinnerung an echte Morde. Ich finde es bemerkenswert, dass die AfD nun so geschlossen gegen den 8. Mai als positive Entwicklung der Weltgeschichte Front macht. Sie verschweigen den Holocaust, der an Schrecklichkeit sogar den Krieg selbst übertraf.
Wenn sich eine Partei hinstellt und meint, man solle lieber nicht an diesen Tag erinnern, während sie ohnehin im Verdacht steht, in der Tradition von Hitler, Göring und Himmler zu marschieren, dann spricht das Bände. Dass sie den Sieg über Nazi-Deutschland nicht feierlich finden, ist aus ihrer Sicht konsequent. Ich hingegen freue mich darüber, dass die Nazis verloren haben und verjagt wurden. Dass sich die AfD nun sogar gegen die Entnazifizierung und die Demokratisierung Deutschlands (”Re-Education”) ausspricht, ist schlichtweg schockierend.








