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FB369 Derailing Holocaust
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FB369 Derailing Holocaust

Über den Gedenktag und wie er zeitgenössisch begangen wird

Darum geht’s

  • 💡 Gedenkkultur vs. Ritual: Warum das “Nie wieder” oft zur leeren Floskel verkommt.

  • 🗣️ Whataboutism in den Kommentaren: Der reflexartige Verweis auf Kriegsgefangene und die Dresdner Bombennacht zur Relativierung.

  • ⚖️ Falsche Gleichsetzungen: Warum Kriegshandlungen oder Aufrüstung nicht mit dem Holocaust vergleichbar sind.

  • 📅 Volkstrauertag vs. 27. Januar: Die wichtige Unterscheidung der Gedenktage.

  • 🇮🇱 Instrumentalisierung des Gaza-Kriegs: Zynische Täter-Opfer-Umkehr am Gedenktag.

  • 🔍 Profil-Analyse: Warum antisemitische Kommentare oft aus dem AfD-Umfeld (”Uwes & Ingeborgs”) statt nur von links oder muslimischer Seite kommen.

  • 🤷‍♂️ Der Schuld-Komplex: Warum sich Rechte oft persönlich angegriffen fühlen, obwohl es um Verantwortung statt Schuld geht.

  • 🤯 Verschwörungsmythen: Von Adrenochrom bis zur Legende der Brunnenvergiftung in neuem Gewand.

Links

Vollständiges Transkript

Gestern jährte sich einmal mehr die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass gibt es ja immer viele Posts und viele Bekenntnisse. Ich weiß nicht, ob man die alle immer super ernst nehmen kann. Was man aber ernst nehmen sollte, sind die Reaktionen darauf, denn die sind mindestens teilweise mehr als fragwürdig.

Ich sage mal so: Wenn jemand schreibt „Heute gedenken wir der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und wir sagen alle noch mal ‚Nie wieder‘“, dann hat das ja leider etwas von einem leeren Ritual. Etliche, die das sagen, werden das schon auch irgendwo ernst meinen. Aber ganz oft ist es auch wirklich einfach nur so ein Spruch, den man sagt, weil jetzt die Zeit ist, das zu sagen – so wie wir uns alle gegenseitig „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, wenn es auf Weihnachten zugeht. Das ist vielleicht auch nicht immer hundertprozentig ernst gemeint. So empfinde ich das hier auch. Wie gesagt, ganz viele nehmen das sicherlich auch deutlich ernst, aber es hat etwas von einem Ritual und das ist nicht gut.

Was sich aber in die letzten Jahre insbesondere immer mehr eingeschliffen hat, ist ein anderes Ritual: Das sind eben die Reaktionen darauf. Da konnte man auch gestern wieder ein richtiges Feuerwerk, ein richtiges Gruselkabinett ablesen, weil das so reflexartig kommt. Ein Post ist vielleicht drei Minuten da, wenn überhaupt, und da kommen dann schon die ersten aus ihren Löchern und fragen: „Ja, aber was ist denn mit deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenenlagern gestorben sind?“

Ja, was ist damit? Es ist halt passiert, hat aber mit dem Gedenktag nichts zu tun. Davon abgesehen ist das auch eine andere Größenordnung gewesen als der Holocaust. Es waren halt Kriegsgefangene und das ist nicht schön für die Betroffenen, insbesondere wenn sie ansonsten ganz ruhige Menschen waren, was mit Sicherheit ganz oft der Fall war. Es sind ja nicht alles Verbrecher, nur weil sie in einer Armee waren. Natürlich nicht, und natürlich ist da schreiendes Unrecht passiert – nur das hat nichts mit dem Holocaust zu tun. Der Holocaust ist trotzdem noch mal eine völlig andere Liga.

Was auch gerne kommt, ist: „Aber was war mit der Dresdner Bombennacht oder Hamburg?“ Ja, auch ganz schlimm gewesen und man kann auch sicherlich diskutieren, ob das irgendwo ein Kriegsverbrechen war. Nach heutigen Maßstäben würde ich sagen: eindeutig ja. Nach damaligen Maßstäben, weiß ich nicht, fand man es irgendwie gerechtfertigt. Es ist aber müßig darüber zu diskutieren, denn es hat genau so wenig mit dem Holocaust zu tun.

Ebenfalls sehr beliebt ist die Gleichsetzung von Krieg und Holocaust, dass man so sagt: „Ja, aber wir rüsten ja trotzdem auf.“ Nein, also wir rüsten auf, und wenn wir das mit dem „Nie wieder“ und dem Holocaust-Gedenken ernst nehmen würden, dann würden wir unter anderem dafür aufrüsten, um so etwas zu verhindern, wenn es irgendwo irgendwann passiert. Hat die NATO schon getan, beispielsweise in Jugoslawien. Hat sie sehr oft leider auch einfach nicht getan, man kann vielleicht auch nicht immer überall sein. Aber auch das ist wieder so eine komische Gleichsetzung. Nicht jeder Krieg dient der Vernichtung einer kompletten Bevölkerung. Das ist einfach nicht so. In diesem Sinne Krieg und Holocaust gleichzusetzen, ist schon wirklich dämlich.

An diesem Gedenktag geht es ja insbesondere auch um Auschwitz, und das mit irgendwas gleichzusetzen, haut nicht hin. Das haut auf der Sachebene nicht hin und auf der emotionalen Ebene eigentlich auch nicht. Aber deswegen wird es wahrscheinlich gerne so benutzt, weil es triggert natürlich gut. Es wird beiden Seiten nicht gerecht. Man kann kriegerische Auseinandersetzungen total falsch und schlimm finden, das kann man aber an jedem anderen Tag. Dafür haben wir auch einen eigenen Gedenktag, das ist der Volkstrauertag. Auch den kann man dafür gerne benutzen, dafür ist er da. Da gedenkt man natürlich auch aller zivilen Toten und all der ganzen Scheiße, die so passiert ist und auch weiterhin passiert. Dafür ist der Volkstrauertag da, einmal im Jahr. Den gibt es auch schon viel länger als diesen Holocaust-Gedenktag.

Wahrscheinlich war der erste Volkstrauertag am 27. Januar 1946 noch kein Gedenktag in Deutschland; da war die Gedenkkultur und die Erinnerungskultur bei uns eben noch eine andere. Man hatte auch andere Sorgen, ehrlicherweise. Das soll gar nicht anklagend gemeint sein, aber der Tag ist mit der Zeit erst so entstanden. Es ist gut, dass es ihn gibt und es ist gut, dass wir regelmäßig an dieses konkrete Verbrechen denken.

Worum es denen geht, die das sofort in eine andere Richtung drücken müssen: Die möchten einfach dieses gigantische Verbrechen des Holocaust oder der Errichtung und des Betriebs von Auschwitz relativieren. Das ist in jeder Hinsicht falsch und verachtenswert. Das kann man auch nicht damit rechtfertigen: „Ja, aber ich wollte doch jetzt ausnahmsweise mal Israel dafür kritisieren, dass es Krieg gegen Gaza führt.“ Das am Holocaust-Gedenktag zu tun, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Insbesondere wenn man sich noch mal in Erinnerung ruft, wie dieser Krieg eigentlich begonnen hat. Nicht indem Israel meinte, es überfällt jetzt mal lustig Gaza und bringt da ein paar tausend Leute um. Das war nicht, wie es passiert ist.

Die Palästinenser pflegen eine Judenhass-Ideologie in der heutigen Form, die ein direkter Import des Dritten Reiches ist – da gab es auch reichlich Kontakte. Das ist einfach die Fortführung der NS-Ideologie gegenüber Juden, was die dort praktizieren. Was sie am 7. Oktober getan haben, war im Prinzip so etwas wie ein Holocaust-Versuch. So würde ich das einfach mal nennen. Wenn man sie gelassen hätte, hätten sie es garantiert auch durchgezogen, da wird ja wohl keiner dran zweifeln. Die Hamas hat das Ziel, alle Juden zu ermorden und den Staat Israel aufzulösen. Das ist deren Ziel, ganz offen. Vor dem Hintergrund dann diese Karte zu ziehen, anlässlich dieses Tages, ist unterste Kanone. Man kann das sonst kritisieren, das macht es dann auch nicht richtiger, aber dann ist der Anlass wenigstens ein anderer. Aber angesichts der Befreiung von Auschwitz damit zu kommen, ist unterste Schublade.

Dergleichen konnte man sehr viel lesen in den Kommentaren. Es ist so etwas wie ein gern verbreiteter Verschwörungsmythos – und zwar übrigens bei weitem nicht nur von Personen, die Namen haben, wo man sofort denkt: „Na ja, das ist vielleicht ein Muslim.“ Nein, nein, die meisten sind ganz normale Richards, Carstens, Uwes und Ingeborgs. Nicht wenige übrigens, wenn man sich dann die Profile anguckt (was ich dann auch immer gerne mache), entsprechen einem bestimmten Muster. Es wird ja mittlerweile so dargestellt, als sei latenter oder offener Antisemitismus vor allen Dingen etwas, was von Links käme. Das deckt sich nicht mit meinem Eindruck.

Wenn man sich mal anschaut, was die Uwes, Carstens und Ingeborgs sonst so den ganzen Tag posten, dann sind das relativ häufig diese typischen AfD-Profile, wo ein AfD-Post nach dem anderen rausgehauen wird. Das sollte man vielleicht auch nicht ganz außer Acht lassen. Natürlich gibt es massenweise linken Antisemitismus, der ist ein Problem und wird auch irgendwo unterschätzt. Aber klassischerweise neigen Gruppen, die sich extrem rechts oder links verorten, dazu, die Extreme zu verharmlosen. Das sieht man auch bei dieser „Antisemitismus-Scheiße“, dass sie sich sofort angegangen fühlen und dann mit dem Finger auf das andere Extrem zeigen müssen. Aber zumindest in den sozialen Medien ist nach meinem Eindruck der Großteil derer, die sich so respektlos über diesen Gedenktag äußern, eher dem AfD-Spektrum zuzuordnen als dem linken oder dem muslimischen. Das kann aber jetzt auch daran liegen, auf was für Seiten ich mich selbst rumtreibe und was ich so sehe; das muss jetzt keine Empirie sein.

Woran man aber auch insbesondere den Antisemitismus von rechts ganz schnell erkennt, ist dieses Gesabbel von Schuld: „Ich bin aber doch Jahrzehnte nach dem Krieg geboren, ich habe damit nichts zu tun, nervt mich nicht damit.“ Das ist ganz oft ein Ausdruck von mindestens einem unterschwelligen Rechtsextremismus. Das sind einfach Leute, die der Meinung sind, man dürfte nicht über den Holocaust reden oder daran erinnern, weil es schon lange her ist. Das macht überhaupt keinen Sinn.

Ich finde es immer sehr interessant, dass diese Leute echt so eine Art Schuld zu empfinden scheinen. Also ich muss sagen: Ich empfinde gar keine Schuld für den Holocaust oder für irgendwas, was im Dritten Reich passiert ist. Es ist nun bald 100 Jahre her (mit Vorboten) und ja, ich bin tatsächlich lange nach dem Krieg geboren und habe da genauso wenig mit zu tun wie alle möglichen „Rechts-Schwurbler“. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, das Erinnern daran als Versuch zu sehen, mir Schuld einzuimpfen. Ich habe wirklich Schwierigkeiten nachzuvollziehen, woher das kommt – wenn es nicht genau daher kommt, dass die eben gerne mal möglichst weit rechts wählen und auch so ein bisschen „höhö“ machen, wenn mal einer einen Judenwitz reißt. Dass sie da irgendwie so eine latente, unterschwellige Sympathie für empfinden. Woher soll es sonst kommen, dass die sich schuldig fühlen? Sachlich gibt es da keinen Grund für.

So viel also zum gestrigen Holocaust-Gedenktag, der mich mit diesen Gedanken zurückgelassen hat. Ansonsten bleibt festzustellen: Mit jedem Holocaust-Gedenktag werden es weniger Augenzeugen, die das noch erlebt haben. Da fällt mir noch eine Beobachtung ein. Einen so einen „Klaps-Kalli“ habe ich auch gelesen, der so was schrieb wie: „Ah, schon wieder einer über 100 geworden, das ist ja bemerkenswert.“ In den weiteren Kommentaren hat er sich dann so ein bisschen verstrickt. Er hat es nicht so ganz deutlich gesagt, aber naja, es gibt ja auch diese Adrenochrom-Verschwörungstheorien. Auch die sind im Kern natürlich eine antisemitische Verschwörungstheorie. Das war es, was er eigentlich damit hat äußern wollen – so zumindest kann man es zwischen den Zeilen herauslesen, wenn man sich ein bisschen mit diesen ganzen Theorien und Albernheiten auskennt.

Das ist natürlich auch noch mal der Gipfel der Widerwärtigkeit, aber das ist Antisemitismus und so war der auch schon immer. Es wurden ja schon immer die absurdesten Lügen über Juden verbreitet. Dass sie Kinderblut trinken, ist wahrscheinlich eine der ältesten Lügen, so ähnlich wie die Brunnenvergifter. Das ist ähnlich alt. Das wird ja so nicht mehr erzählt, ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Stattdessen kommen immer wieder so Sachen wie: „Israel dreht hier den Palästinensern den Hahn zu / das Wasser ab.“ Alter Wein in neuen Schläuchen, sagt man gerne. Die Sachen werden immer wieder wiedergekäut.

So ist es halt auch rund um diesen Holocaust-Gedenktag. Ich finde es bemerkenswert und erschreckend. Es überrascht mich nicht weiter, es ist, wie ich es erwarten konnte. Aber ja, das sind ein paar Beobachtungen rund um diesen Gedenktag.

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