Der heldenhafte Xodus: Wie man mit Gratismut und Xi Jinping die Demokratie rettet
Es ist ein Opfer, das in den digitalen Geschichtsbüchern wohl direkt neben Gandhis Salzmarsch Erwähnung finden wird: Die SPD, die Grünen und die umbenannte SED (vulgo: Die Linke) packen ihre virtuellen Koffer und verlassen X. Elon Musk wird weinen, die Troll-Armeen werden eine Schweigeminute einlegen und der deutsche Wähler... tja, der bekommt von diesem titanischen Akt des Widerstands auf Instagram vermutlich gar nichts mit.
Die Begründung für diesen beispiellosen Gratismut ist ebenso erhaben wie erwartbar: X sei toxisch, von Algorithmen verseucht und zu einer globalen “Shit-Schleuder” verkommen. Kurz gesagt: Ein unzumutbares Pflaster für aufrechte Demokraten. Dass man damit der politischen Konkurrenz und den Rechten kampflos den Platz überlässt? Schwamm drüber. Wer braucht schon Diskurs, wenn man sich stattdessen für seinen moralischen Kompass feiern lassen kann!
Die himmlischen Zen-Gärten von Meta
Aber keine Sorge, unsere Parteien verschwinden nicht aus dem Netz. Sie ziehen sich lediglich auf die moralisch einwandfreien Wohlfühl-Inseln von Mark Zuckerberg zurück. Ein Glück, dass Threads, Instagram und Facebook als friedvolle Yoga-Retreats des Internets bekannt sind. Dass Threads die toxische X-Dynamik derzeit stellenweise noch unterbietet und Meta sein Geld genauso mit Empörungs-Algorithmen verdient? Geschenkt. Auf Meta gibt es schließlich noch echte, saftige Reichweite abzugreifen. Und für ein paar Likes drückt man beim “Shitpost”-Problem eben gern mal beide Augen fest zu.
Wer es wirklich lupenrein haben will, könnte natürlich zu Mastodon gehen. Dem Fairtrade-Kaffee unter den Netzwerken. Herrlich dezentral, wunderbar ethisch – und leider ungefähr so belebt wie eine Fußgängerzone an einem verregneten Sonntagmorgen um 4 Uhr. Das wissen auch die Parteistrategen: Moral ist super, aber ohne Publikum macht sie keinen Spaß. Also bleibt der Mastodon-Account die Alibi-Biolimo im Kühlschrank, während man heimlich weiter bei Meta zum Fast-Food greift.
Mit Peking tanzen für den Wahlkampf
Der absolute Treppenwitz dieser links-grünen Digital-Allianz ist jedoch ein ganz anderer. Während man den bösen US-Milliardär heldenhaft boykottiert, feiert man – allen voran die Parteigänger der ehemaligen SED – auf TikTok fröhliche Urstände.
Man muss sich diese politische Schizophrenie auf der Zunge zergehen lassen: X ist der Teufel, aber ein Netzwerk, das am Gängelband der Kommunistischen Partei Chinas hängt, ist offenbar das gelobte Land. Warum sich über mangelnde Moderation im Westen aufregen, wenn Peking das doch so wunderbar effizient für einen erledigen kann? Wir sprechen hier von einem Algorithmus, der nachweislich darauf programmiert ist, westliche Gesellschaften zu spalten. Dass ausgerechnet dort die Extreme – also die AfD und Die Linke – durch die Decke gehen? Sicher reiner Zufall. Xi Jinping will bestimmt nur, dass deutsche Teenager und Politiker lustige Tanz-Trends lernen.
Fazit: Heuchelei in 15-Sekunden-Clips
Der groß inszenierte “X-odus” ist kein mutiges Statement, sondern die peinlichste Form der Inkonsequenz. Man räumt ein ohnehin ungeliebtes Schlachtfeld, auf dem man außerhalb der eigenen Blase aus Medien und Politikern ohnehin kaum noch jemanden erreicht hat.
Man treibt den Teufel Musk mit dem Beelzebub Meta aus – und lässt sich ganz nebenbei von einer diktatorischen Weltmacht auf TikTok den Takt vorgeben. Das ist keine tiefschürfende Netzpolitik, das ist pure Heuchelei. Dass unsere Parteien das eigentliche Problem toxischer Plattformen verstanden haben, können sie vielleicht noch ihrer Großmutter erzählen. Aber selbst die scrollt wahrscheinlich längst kopfschüttelnd weiter.
Darum geht’s
📱 SPD, Grüne & “SED” verlassen X (Twitter): Deaktivierung der Accounts
🎭 “Gratismut” der Parteien: Kritik an der Doppelmoral
⚖️ X vs. Meta: Ähnliche toxische Dynamiken auf Threads, Instagram & Facebook
🐘 Mastodon als Alternative: Bessere Struktur, aber fehlende Reichweite
🇨🇳 TikTok als unterschätzte Gefahr: Einfluss der chinesischen Regierung & gefährliche Algorithmen
📈 Erfolg von Extremen: AfD und Linke profitieren stark von TikTok
🛑 Inkonsequenz: Das Feld auf X wird kampflos den politischen Gegnern überlassen
Links
Vollständiges Transkript
Vor ein paar Tagen las ich einen aufschlussreichen Post der SPD – ich meine, es war auf Instagram. Es ist eigentlich auch egal wo, jedenfalls war es in einem sozialen Netzwerk und nicht auf Mastodon. Darin stand, dass man beabsichtigt, X (ehemals Twitter) zu verlassen. X wurde von einem Milliardär gekauft und erfolgreich zu einer “Shit-Schleuder“ umgebaut. Damit begründet die SPD ihren Abgang und weist darauf hin, dass sie sich mit den Grünen und der umbenannten SED abgesprochen hat. Die Accounts werden nun deaktiviert, es kommen keine neuen Inhalte mehr.
Das Ganze ist relativ gratismutig. Die Parteien haben das mit großem Brimborium angekündigt und nachvollziehbar begründet: X funktioniere wie ein typisches soziales Netzwerk mit all seinen Nachteilen. Es sei algorithmusgelenkt, die Moderation sei unzureichend und rechte Trollerei nehme überhand. Aber diese Kritikpunkte lassen sich auf fast jedes soziale Netzwerk übertragen. Auf Threads, der X-Variante von Meta, läuft es gefühlt noch schlimmer ab. Dort geht es oft nur noch um Shitposts und das Abfischen von Reaktionen.
Natürlich gibt es Ausnahmen, wie das nicht-konzerngetriebene Mastodon. Dort hat man all diese Probleme nicht, dafür fehlt aber auch die Reichweite. Das ist der Trade-off. Das wissen auch die Parteien: Sie verlassen X, weil es ohnehin nie die Plattform war, um außerhalb der Blase aus Politikern und Medien ernsthaft Reichweite aufzubauen. Sie handeln sich also kaum Nachteile ein, zumal sie die Accounts jederzeit wieder aktivieren könnten.
Bemerkenswert finde ich die Allianz mit der umbenannten SED. Diese Partei war bis wenige Monate vor der letzten Wahl praktisch abgeschrieben. Dann haben sie das Internet für sich entdeckt und mit TikTok enormen Erfolg gefeiert, besonders bei jungen Leuten. TikTok gehört jedoch de facto der chinesischen Regierung, die dort praktisch durchregieren kann. Das allein ist gruselig und wäre normalerweise ein Grund, diese Plattform hierzulande zu verbieten. Wir reden hier von einer Weltmacht mit einem zweifelhaften Verständnis von Menschenrechten und dem brutalen Umgang mit Andersdenkenden.
Wie kann man X als den Teufel verteufeln, aber gleichzeitig eine Plattform wie TikTok unterstützen? Durch die eigene Präsenz dort verleiht man ihr Relevanz. Der Algorithmus von TikTok wird von der Kommunistischen Partei Chinas kontrolliert, deren Interesse sicher nicht in einer stabilen Demokratie in Deutschland liegt. Man treibt hier den Teufel mit dem Beelzebub aus. Vom Gefahrenfaktor her halte ich TikTok für wesentlich gefährlicher als X. Dass extremistische Parteien wie die AfD und die Linke dort so erfolgreich sind, ist kein Zufall, sondern vom Algorithmus gesteuert.
Hinzu kommt: Keine der drei Parteien hat angekündigt, eine der Meta-Plattformen zu verlassen. Instagram und Facebook haben einfach eine zu große Relevanz. Man hat sich für X entschieden, weil es die Plattform mit der geringsten Bedeutung ist. Die Entscheidung ist inkonsequent und peinlich. Wenn man die benannten Probleme ernst meinen würde, müsste man alle diese Netzwerke verlassen.
Stattdessen überlässt man auf X nun einfach allen anderen das Feld. Warum man bei X einen Schlussstrich zieht, sich aber ausgerechnet mit einer Partei verbündet, die von einer noch gefährlicheren Plattform massiv profitiert, lässt mich nur kopfschüttelnd zurück. Sie haben das eigentliche Problem dieser Netzwerke schlichtweg nicht verstanden. Diese Parteien behaupten zwar, sie hätten die Probleme erkannt – aber angeblich nur bei X und bei den anderen nicht. Das könnt ihr vielleicht eurer Oma erzählen, aber wahrscheinlich glaubt nicht mal die das.






